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Im Portrait // Julia Wunderlich über Ayurveda und Frausein

4. April 2017

Julia Wunderlich ist eine zauberhafte Frau mit unfassbar großem Wissen in Sachen Ayurveda und Stressmanagement. Sie ist die Ruhe selbst, eine leidenschaftliche Ayurveda Praktikerin und Yogini, mit dem Fokus auf kraftvolle Erdung, ganzheitliche Balance und Heilung.

Außerdem liegt ihr Schwerpunkt auf der Arbeit mit Frauen, was mich im folgenden Interview besonders interessiert, da ich mich selbst, wenn auch aus einer anderen Perspektive, mit der Thematik beschäftige.

Laut Julia kann in der Kombination von Ayurveda mit Energetischer Frauenarbeit der Weg in eine tiefe und nachhaltige Transformation, Heilung und Balance mit dem zyklischen System Ayurveda möglich werden.

Ihr Wissen und ihre eigene Erfahrung gibt Julia in ihrem Projekt rolling tiger weiter. Außerdem schreibt sie regelmäßig für Fuck Lucky Go Happy und verzaubert nicht nur Frauen mit ihren herrlichen Rezepten im Zuge ihrer Kochkurse.

 

Wie und wann kamst du zum Ayurveda und wo hast du deine Ausbildung gemacht?

Durch meine große Leidenschaft für Indien und mein Südasien-Studium habe ich viel Zeit in Indien verbracht, dort kam ich mit Ayurveda in Berührung. Den  Anstoß, mich ayurvedisch zu ernähren, gab meine Glutenunverträglichkeit, die vor 6 Jahren diagnostiziert wurde.

Ganz fasziniert von meiner eigenen Erfahrung mit Ayurveda und den wunderbaren, heilsamen Vorgängen in meinem Körper, habe ich dann Ausbildungen an der Europäischen Akademie für Ayurveda, dem Campus Naturalis und an verschiedenen Kliniken in Indien absolviert.

Ein wichtiger Aspekt deines Schaffens liegt in der Frauenarbeit. Du gibst viele Workshops und Kochkurse zum Thema Frau-Sein, Zyklus und Gebärmutter. Was möchtest du mit deiner Arbeit bewirken?

In meinen Workshops schaffe ich einen geschützten Raum, in welchem Frauen in ihre Gebärmutter hineinfühlen und sich mit all den dort sitzenden Emotionen verbinden können. Den Unterleib zu fühlen bedeutet, uns mit unserem einzigartigen Wesen und mit unseren Ressourcen zu verbinden.

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Je mehr wir unsere Gebärmutter und ihre Phasen ergründen, um so besser lernen wir uns verstehen, wir können tief sitzende Ängste lösen. Unsere Gebärmutter ist ein Ort von Liebe. Eine, an die wir jederzeit anknüpfen können. Sie ist unser Anker. Du kannst das spirituell oder ganz pragmatisch betrachten.

Nach der Geburt meines Sohnes litt ich an Endometriose, gutartigen Zysten im Unterleib, die vor allem vor und zu Beginn meiner Periode für heftige Schmerzen gesorgt haben. Alles, was mit meiner Gebärmutter in Verbindung stand, habe ich lange Zeit mit Schmerz, Verkrampfung und Angst verbunden. Vielen Frauen geht es so, wie mir damals. Viele Frauen verbinden den Unterleib mit Schmerz oder Scham.

Nach Jahren mit Endrometriose hatte ich dann den Schlüsselmoment. Ich spürte, wie all meine Ängste in meiner Gebärmutter gespeichert waren. Je entspannter ich mit meinem Zyklus wurde, um so entspannter konnte mein Unterleib sein. Mit einem mal wollte ich ihn fühlen, mit all seinen Facetten. Ja, es ist möglich aus dieser Furcht und auch aus der Scham in die Liebe zu wachsen! Auch das vermittle ich in meinen Workshops.

 

Frauenpower und die Sehnsucht nach tiefer Weiblichkeit scheint nicht nur unser beider Herzensprojekt zu sein. Man kann derzeit eine starke, neue Frauenbewegung beobachten. Denn das Angebot an Moon Circles, Meditationsgruppen und Retreats für Frauen in Berlin ist mittlerweile riesig. Ein neuer Trend oder eine Chance, wirklich etwas zu verändern?

Ja, ich denke, wir haben eine neue Stufe der Emanzipation erreicht. Der große Umbruch hat bereits begonnen. Was gerade passiert, kommt mir manchmal vor, wie Magie. All diese wunderbaren Frauen, die miteinander in Verbindung treten. Ohne Konkurrenz, auf Augenhöhe und von Herz zu Herz, in einem beständig wachsenden Kreis.

Wir können uns erlauben, weiter für die Gleichberechtigung von Frauen einzustehen und gleichzeitig sensitiv und wild zu sein. Stärke und Macht darf jetzt weich sein, aus unserer Mitte heraus, von Liebe getragen.

Ich glaube ganz fest, dass wir die Energien, die wir in unseren Kreisen kreieren und fühlen allmählich unseren Alltag integrieren. Und um so mehr können wir davon an unsere Töchter und Söhne weiter geben – und schaffen so tiefe Veränderung.

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Viele Frauen in meinem Umfeld haben Zyklusprobleme. Periodenbeschwerden, zu lange Blutungen oder gänzliches Ausbleiben. Woher kommt dieses Problem? Nehmen wir uns für unseren Zyklus zu wenig Zeit? Wie können wir bewusster mit unserem Zyklus umgehen? 

In unserer Gesellschaft sind Übergangsriten von Mädchen zur Frau ebenso abhanden gekommen, wie Räume, für die reinigende Menstruation. Unsere Lebensführung und eine Gesellschaft, die permanent lineare Leistung von uns fordert, tragen sehr viel dazu bei, dass es zu Zyklusstörungen kommt. Der Wunsch, es immer anderen Recht zu machen, kann auch zu Blockaden führen, wie die Verhütung mit Pille.

Während wir menstruieren, durchschreiten wir eine Phase von Reinigung, Stille und Dunkelheit – um Vorangegangenes zu verdauen und loszulassen. So können wir Kraft für den Neubeginn, sprich, den kommenden Zyklus sammeln.

Es ist so wichtig, die Bedürfnisse des Körper in den ersten Blutungstagen besonders zu achten, Sport, Yoga, Events und – wenn möglich – auch Arbeit zu reduzieren. Je mehr wir unsere Bedürfnisse ehren, um so besser lassen sich Beschwerden lindern und der Zyklus ausbalancieren.

Unsere Gebärmutter ist letztlich als Spiegel zu verstehen. Welche Form von Menstruationsproblemen auftreten, sagt eine Menge über unsere aktuelle Lebenssituation, über unsere Emotionen und ein mögliches Ungleichgewicht (in der Ayurveda: Dosa-Störung) aus.

 

Der weibliche Zyklus und der Mond. Alles steht in Verbindung. Wie kann man den Zusammenhang verstehen lernen?

Der Mond ist Symbol für die Mutter und steht für feminine Energien. Wir gehen davon aus, dass vor vielen Jahren der hormonelle Zyklus, wie der Mondzyklus, aus 28 (genau: 29,5) Tagen bestand. In vielen Gruppen haben Frauen gemeinsam zu Neumond menstruiert. Frauen, die an Vollmond menstruierten, galten in Europa lange Zeit als Frauen mit besonderen Kräften, später wurden sie als Hexen verfolgt.

Ganz spannend ist auch, dass die verschiedenen Phasen der Menstruation speziellen Mondphasen entsprechen:

Der zunehmende Mond entspricht der kraftvollen Phase nach der Regelblutung. Der Moment für neue Projekte, für Selbstverwirklichung und deine persönliche Weiterentwicklung. Der Vollmond ist die Zeit der Fülle und entspricht unseren fruchtbaren Tagen, wenn wir uns sinnlich, kommunikativ, dankbar und ganz in unserer Kraft fühlen. Mit dem schwindenden Mond brauchen wir mehr an Toleranz, Vergebung. Diese Zeit entspricht dem, was wir auch als PMS kennen. Ganz viel Akzeptanz für unsere eigene Wildheit ist jetzt angebracht.

Der dunkle Mond ist die Zeit großer Transformation. Die Dunkelheit außen schenkt uns Zeit, den Blick auf das Innere zu lenken; auf das, was wir absolut in uns bejahen oder loslassen wollen. Neumond symbolisiert die Prozesse, die während der Regelblutung in uns geschehen. Jetzt ist die Zeit für eine Pause, für Reinigung und Meditation. In der Tat gibt es Studien, die belegen, dass auch in unserer trubeligen Zeit ein Großteil der Frauen weiter um den Neumond herum menstruiert.

Je mehr wir die Wirkungen des äußeren Mondzyklus und unseres individuellen hormonellen Zyklus in unser Leben integrieren, um so stärker treten wir in Kontakt mit unserem „Inner Guide“, unserer Intuition. Klar, klingt das erstmal nach einem großen Projekt. Zu Beginn genügt es, sich auf Voll- und Neumond-Zeiten und auf die Zeit direkt vor und zu Beginn deiner Regelblutung zu konzentrieren.

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Wie sieht deine eigene spirituelle Praxis aus? Hast du Rituale? Übst du regelmäßig Yoga?

Ich übe regelmäßig Iyengar-Yoga. Als Ausgleich für dieses strukturierte Üben brauche ich Tanz und Meditation. Gerade der Tanz katapultiert mich sofort vom Kopf in meinen Unterleib und ins Fühlen.

Einige der Ayurveda-Sessions gehen einfach ganz schön unter die Haut. Manche Frauen haben traumatisches erlebt, was sich nun in ihrem Essverhalten oder ihrem Wohlbefinden allgemein spiegelt. Um meinen Kopf dann frei zu machen und neue Kraft zu tanken, schüttle ich mich gerne am Abend eine Runde im Osho Studio oder meditiere vor einer Kerze, nachdem ich den Raum mit Palo Santo gereinigt habe. In meine Meditation integriere ich alles, wofür ich an diesem Tag dankbar gewesen bin.

 

Was bringt dein Herz zum Lachen?

Ich liebe es, zu kochen, am besten mit Freunden – und das Essen dann gemeinsam zu geniessen. Auch mein Sohn bringt mein Herz zum Lachen, jeden Tag aufs Neue. Vor allem, wenn wir gemeinsam unterwegs sein können und in fernen Ländern bunte Abenteuer erleben! Auch die Frauen, welche ich in meinen Beratungen begleiten darf. Mitzuerleben, wie sich Frauen aus Essstörungen und Burnout Symptomatiken befreien, sind einfach riesige Herzensmomente!

 

Wer oder was inspiriert dich?

Meine Freundinnen inspirieren mich. Sie sind das Fundament, das immer da ist, und zu dem ich immer wieder zurückkehren kann. Mich fasziniert und inspiriert unsere gemeinsame Reise durch die verschiedenen Epochen unseres Lebens, die von Liebe, Zusammenhalt, Ehrlichkeit und Vertrauen getragen ist.

 

Verrate uns die Top 3 deiner Lieblingsbücher!

Es gibt so viele inspirierende Bücher! Mein absolutes Dauerliebslingsbuch ist „The Path of Practice, a Women’s book of Ayurvedic Healing“ von Maya Tiwari. Ich kann es jeder Frau nur wärmstens ans Herz legen.

The Goddess Pose“ ist ein fesselndes Buch über Indra Devi, geschrieben Michelle Goldberg und gehört auf jeden Fall mit dazu. Und auf jeden Fall „The Great Cosmic Mother“, ein heftiger, faszinierender Augenöffner im Bezug auf Göttinnen- und Mutterkult in Europa. Im Grunde machen wir genau das in den Frauenkreisen, an das Wissen aus dieser Zeit anknüpfen. Unbedingt lesen!

 

Vielen Dank für das wundervolle und so inspirierende Interview, liebe Julia!

Signatur Valerie Unterschrift

Fotos: © Dorian Wunderlich

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1 Comment

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    Reply Nadine 7. April 2017 at 12:11

    Ein super interessantes Thema in einen tollen Artikel verarbeitet. Da ich selber jeden Monat unter Menstruationsbeschwerden leide, würde mich brennend interessieren wo ich nachlesen kann, welche Störung sich da genau hinter verbirgt. Gibt es da ein Buch oder Internetseite oder ähnliches zum Weiterlesen?

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