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Travel Affair // Ein Hauch von Freiheit

12. Oktober 2016
Travel Affair – Elvira – Sinai – Ägypten – Wüste – Tagebuch – Erfahrungsbericht – Reise – Selbstfindung – Offline

Auf der Suche nach dem Glück

Als mein iPod „Teardrop“ von Massive Attack spielt, wache ich auf. Ich blicke aus dem Fenster. Der Nachtbus ist beinahe am Ziel. Ich bin in einer anderen Welt angekommen. Es ist kurz vor Sonnenaufgang und wir fahren durch die gebirgige Steinwüste des Sinai, die sich kurz nach dem Suez Kanal über die ganze Halbinsel erstreckt. Die Luft ist klar und mit einem Mal wird die gesamte Landschaft in das goldene Licht der aufgehenden Sonne getaucht. Ich habe Tränen in den Augen, so berührt bin ich von der Schönheit dieses Momentes.

Ich kann es kaum fassen! Endlich geht mein Herzenswunsch, in die Wüste zu fahren, in Erfüllung und es fühlt sich so richtig an. Bei der Endstation steige ich in einen Jeep um, in dem meine Reisegefährten Barbara und Salama bereits auf mich warten. Wir verlassen die geteerte Straße und biegen in ein Wadi (Tal) ein, wo wir querfeldein Richtung Horizont fahren.

Keiner spricht ein Wort. Ich habe es mir hinten im Auto auf zahlreichen Beduinenteppichen bequem gemacht. Die Stille ist so angenehm. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Während die beiden vorne bereits aus unzähligen Wüstentrips wissen, was sie erwartet, betrete ich Neuland.

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Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit

Dieses alte afrikanische Sprichwort begleitet mich seit meiner Zeit in Tansania. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist oder wie lange wir bereits unterwegs sind. Mein Handy ist mittlerweile irgendwo in meinem Rucksack verstaut. Dort wird es auch bleiben, gemeinsam mit meinem iPod.

Für diese Reise habe ich mir vorgenommen, weder zu lesen, noch Musik zu hören. Handyempfang gibt es ohnehin nicht. Die Frage nach Social Media hat sich somit von selbst beantwortet. Hier in der Wüste will ich einfach nur zuhören. Ich will ganz genau hinhören, was mir die Wüste zu sagen hat. Ich will die Stimme meines Herzens wiederfinden. Die Arbeit und der Stress der letzten Monate haben sie immer leiser werden lassen, bis sie ganz verschwunden ist.

Es ist März und die Temperaturen klettern tagsüber kaum über die 15 Grad Marke. Nachts kühlt es fast bis zum Gefrierpunkt ab. Mein Herz schlägt schneller, wenn ich daran denke, dass ich die nächsten Wochen unter freien Himmel am Lagerfeuer schlafen werde. Wir trinken Tee und schauen in das Wadi. Nichts bewegt sich. Die imposante Landschaft liegt ruhig vor uns. Eine willkommene Abwechslung zur permanenten Hektik in Kairo. Mal sehen, was diese Reise für mich bereit hält.

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Zurück zum Ursprung

Unser ganzes Hab und Gut befindet sich in unserem Jeep. Kein Zelt, kein Dach über dem Kopf. So einfach wie möglich, mit selbst gebackenem Brot im Feuer, gestaltet sich das Leben in der Wüste. Mit so leichtem Gepäck bin ich schon lange nicht mehr gereist. Schon bald beginnt auch der mentale Ballast abzufallen.

Überrascht stelle ich fest, dass ich vollkommen frei von jeglicher Angst bin. Ich bin zwar mitten in der Wüste, in einem Land, das vor einem Jahr eine Revolution erlebt hat und seit dem höchst instabil ist. Aber ich weiß, uns wird nichts passieren. Mit einem Mal spüre ich dieses Urvertrauen, dass alles gut ist.

Um uns ist es dunkel geworden. Ich schaue noch eine Weile in die Sterne. Fast schon surreal. Die Milchstraße zieht sich klar quer über den Himmel und ist zum Greifen nah. Da ist schon die erste Sternschnuppe. Ich spüre die Kälte in meinem Gesicht, ziehe die Felle etwas höher und Sekunden später verfalle ich in einen tiefen Schlaf.

Seit ein paar Tagen sind wir nun in der Wüste und das Konzept Zeit hat sich völlig verändert. Während wir uns immer wieder für einige Stunden trennen um unsere eigenen Wege zu gehen, finden wir dennoch immer zur gleichen Zeit an der Feuerstelle ein. Wie kann das sein? Ich spreche Salama darauf an und er erzählt mir, wie Beduinen auf einer mentalen Ebene mit ihrer Familie, ihrem Stamm verbunden sind. Sie spüren sich, die Anwesenheit des anderen, auch wenn sie nicht in Sichtweite sind. Sie spüren, wenn es Zeit ist, aufzubrechen. Ich bin fasziniert.

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Begegnungen, die das Herz berühren

Wir verbringen ein paar Tage mit einer Beduinenfamilie. Sheik Selem, das Familienoberhaupt, kommt abends zurück zum Zeltplatz. Er ist nicht überrascht, uns hier anzutreffen, und begrüßt auch mich – den Neuling – mit großer Herzlichkeit und heißt mich in seiner Familie willkommen. Ich bin überwältigt. Wie konnte er wissen, dass wir hier sind? Und wie kann mir ein fremder Mensch soviel Herzlichkeit und Wärme mit einem einzigen Blick entgegenbringen?

Um ihm meinen Respekt zu zollen, senke ich meinen Kopf, als ich vor ihm stehe. Er nimmt meine Hand und berührt mit der anderen meinen Kopf. Ich hebe meinen Blick und ich schaue in ein vom Leben gezeichnetes Gesicht. Aber mit den strahlenden Augen eines kleinen Kindes, die mich sanft anlächeln. Ich habe das Gefühl, ich kann die Tiefe seiner herzensguten Seele blicken.

Man sieht nur mit dem Herzen gut

Ich sitze am wärmenden Feuer, nippe an meinem Tee und höre den Geschichten der Wüste zu. Die Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage gehen mir durch den Kopf. Kairo, mein Leben dort, alles ist so weit weg. So klein und unscheinbar. Seit wir die Wüste betreten haben, hatte ich kein Handy mehr in der Hand, keine Musik gehört und nicht gelesen. Ich habe keine Ahnung, welcher Tag heute ist oder welches Datum wir schreiben. Eine vollkommen neue, befreiende Erfahrung für mich.

Ich stelle fest, dass sich in mir etwas verändert. Es fällt mir schwer, dieses Gefühl in Worte zufassen. Es ist, als würde alles um mich weiter oder irgendwie größer werden. Oder passiert das in meinem Kopf? Die Grenzen zwischen mir und meiner Umwelt beginnen zu verschwimmen. Die Unendlichkeit und Weite der Wüste dringt in meinen Kopf ein. Ohne viel dazu beizutragen, lichtet sich der Nebel meiner Gedanken.

Während ich im Licht des Mondes zu unserer Schlafstelle spaziere, überlege ich, wie wohl alles weitergeht, wenn ich die Wüste in wenigen Tagen wieder verlasse. In dieser Nacht kann ich lange nicht einschlafen. Ich bin wie gefesselt von dem Sternenhimmel über mir und überwältigt von der Schönheit der Nacht. Über mir regnet es Sternschnuppen. So viele, dass ich mit meinen Wünschen kaum nachkomme. In dem Moment fällt mir auf, dass ich mich selbst schon lange nicht mehr so deutlich gespürt habe.

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Die Ruhe nach dem Sturm

Ich bin mit einem Kopf randvoll mit Zweifel und Sorgen in die Wüste gekommen. Alles ging drunter und drüber. Ich sollte Entscheidungen treffen, war aber nicht dazu im Stande, einen klaren Gedanken zu fassen, weil ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen konnte.

Wochenlang kein Dach über dem Kopf zu haben und sich lediglich in einem weiten Raum der Wüste zu bewegen, haben mich in eine Art Trance fallen lassen. Es gibt keine Grenzen mehr, alles ist offen und alles ist möglich. Meine Meditationen sind total verrückt. Raum und Zeit in der Form wie ich es bisher gekannt habe, existieren nicht mehr. Ich sitze hoch oben auf einem Plateau und beobachte einen Adler. Unter mir erstreckt sich ein Abschnitt der Wüste aus feinstem, weißen Sand. Nicht mehr. Nicht weniger. Jetzt.

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Zurück in Kairo

Diese Reise liegt nun einige Jahre zurück. Der Großteil der Textpassagen ist aus den Tagebuchaufzeichnungen. Dennoch ist das Erlebte dieser Wochen noch sehr präsent. Die Wüste – die für mich zu einem sicheren Hafen geworden war – zu verlassen, war ein ziemlicher Schock. Tagelang fühlte ich mich in meiner Wohnung unwohl. Alles war zu eng, zu klein.

Der Effekt, den die Wüste auf meine Gedanken und meine Wohlbefinden hatte, war enorm. Ich bin diese Reise ohne Erwartungen angetreten. Ich habe mich einfach auf den Weg gemacht, mit einer Frau, die ich kaum kannte. Heute ist Barbara eine gute Freundin. Jahre später bin ich nach wie vor tief mit ihr verbunden, obwohl die hunderte Kilometer von mir weg lebt.

Natürlich hat es nicht  sehr lange gedauert, bis ich wieder vollkommen in meinem von Stress geprägten Alltag angekommen bin. Aber zwei Dinge habe ich mir mitgenommen und bis heute im Herzen behalten:

n°1: Man darf niemals aufhören zu träumen

Aber dafür muss man sich Zeit nehmen. Dazu gehört ab und zu wirklich alle Stecker zu ziehen und sich den Raum zu schaffen genau diese Träume zu verwirklichen. Damals habe ich mir unter dem Sternenhimmel vom Sinai meine Zukunft ausgemalt. So vieles davon konnte ich bereits manifestieren. Dafür bin ich dankbar.

n°1: Weniger ist mehr

Die Menschen, die mir in der Wüste begegnet sind, besitzen fast nichts. Aber sie haben etwas, das man in der westlichen Welt schon beinahe suchen muss: Ein Funkeln in den Augen! Noch nie in meinem Leben, habe ich in so strahlende Augen geblickt. Zu selten erlebe ich diese Wärme und Herzlichkeit, die sie uns entgegen gebracht haben. Diese Momente haben mich zutiefst berührt.

Happy Journeys,

Elvira – The Yoga Affair – Signature – gold

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